OnLive

Im Juli 2010 startete in den USA ein Online-Dienst, der in der Spieleindustrie schon eine ganze Weile für gehöriges Aufsehen sorgt. Das vollmundige Versprechen dahinter: Grafikkarte, CPU-Leistung oder Arbeitsspeicher sind nicht mehr wichtig, um aktuelle PC-Titel in HD-Auflösung zu spielen. Stattdessen wird die Rechenleistung auf einen PC von OnLive ausgelagert, der vom Spieler nur ferngesteuert wird und lediglich ein Video in Echtzeit an den heimischen Rechner sendet. Unausgereifte Zukunftsmusik oder eine seriöse Alternative zu Highend- Spiele-PCs und Videospielkonsolen? Wir haben die Antwort.

Aktuelle Spiele ohne teure Hardware

Das Zauberwort bei OnLive lautet Video-streaming. Das bedeutet, dass das Spiel, das Sie gerade spielen, nicht auf dem eigenen, sondern auf einem firmeninternen Rechner von OnLive läuft und somit auch dessen Hardware nutzt. Sie erhalten per Stream lediglich ein Video dessen, was auf diesem Rechner passiert. Um im Spiel interagieren zu können, werden aber natürlich Eingaben Ihrer Tastatur, Maus oder dem speziellen OnLive-Controller via Internet an OnLive gesandt. So wird der OnLive-Rechner von Ihnen quasi ferngesteuert und Sie erhalten per Video das entsprechende Bild auf den Monitor geschickt. Durch dieses Prinzip wird ein Nachrüsten der Hardware überflüssig.

Voraussetzung für OnLive ist auf alle Fälle eine schnelle Internetverbindung, mit einer Downloadrate von mindestens 3 und idealerweise 5 MBit. Damit sollte das 720p HD-Bildmaterial (1280 x 720 Pixel) problemlos übertragen werden können.Toll ist, dass das Streaming nicht nur auf Microsoft Windows- sondern auch auf Apple Mac-Rechnern und Notebooks funktioniert. So kann man beispielsweise auch auf einem älteren Macbook problemlos aktuelle Highend-Spiele zocken. Benötigt wird lediglich ein nur 500 KByte großer Client, der die Schnittstelle zwischen dem heimischen und dem OnLive-Rechner darstellt.

Interessant ist außerdem, dass Spiele nicht nur selbst gespielt werden können, sondern dass Sie auch andere in einem speziellen Zuseher-Modus beim Spielen beobachten können.


Die OnLive Mikrokonsole

Anfang Dezember 2010 begann der Verkauf des „OnLive Gamesystems". Im Lieferumfang enthalten ist neben einer besonders kompakten Konsole auch ein eigens von OnLive entwickeltes Gamepad, das entfernt an jenes der XBox360 erinnert. Insgesamt können bis zu vier Controller eine kabellose Verbindung mit derselben Konsole herstellen. Die Mikrokonsole muss per Ethernet-Kabel mit einem Router verbunden werden, um überhaupt zu funktionieren. Außerdem ist eine separate Stromversorgung nötig (das Gamesystem hat dabei eine Leistungsaufnahme von nur 6 Watt) und schließlich muss per HDMI-Kabel eine Verbindung mit dem TV-Gerät hergestellt werden. Dabei wird wahlweise ein 720p oder 1080p Signal ausgegeben, wobei Spiele derzeit als 720p-Video gestreamt werden.

Der digitale Sound kann entweder via HDMI- oder auch per ebenfalls eingebauten optischen Digitalausgang weitergeleitet werden. Erwähnenswert ist zudem, dass auch Tastaturen und Mäuse an das Gerät angeschlossen werden können. Dies kann sehr komfortabel via USB oder sogar via Bluetooth erfolgen. Auch kabellose Headsets können zum Beispiel auf diese Weise mit der Konsole genutzt werden. Erste Testberichte aus den USA fielen durchweg positiv aus. Hervorgehoben wurden vor allem die Einfachheit des Systems und der niedrige Preis von etwa 100 US-Dollar. Latenzprobleme können aber sehr wohl auftreten, sofern die Verbindung zu den Servern des Unternehmens nicht ideal ist. Bei einem Ausfall der Internetverbindung ist die Konsole zudem völlig unbrauchbar.


Die Spieleauswahl

Das Spieleportfolio von OnLive umfasst Titel von über 20 namhaften Publishern wie etwa EA, Ubisoft, Atari, THQ oder Eidos. Zudem wird das Angebot ständig erweitert. Dazu gehören etwa Mafia 2, Assassin’s Creed 2, Dirt 2, Borderlands, Virtua Tennis 2009 oder Batman: Arkham Asylum. Derzeit ist zu erkennen, dass vor allem actionlastige und auch kommerziell erfolgreiche Spiele vertreten sind. Etwas unbekanntere Geheimtipps oder auch eine breitere Auswahl an Strategie- oder Sportspielen sucht man bis dato leider vergebens.

Voraussetzung dafür, dass ein Spiel via OnLive angeboten werden kann, ist außerdem, dass es für den PC erhältlich ist. Exklusive Konsolentitel für XBox 360, Playstation 3 oder Wii wird es also nicht geben. Dass sich das in Zukunft ändert, ist eher unwahrscheinlich, da die etablierten Konsolenhersteller OnLive wohl eher als Konkurrenz wahrnehmen und demnach nicht zur Kooperation bereit sein dürften. Auf der offiziellen Webseite www.onlive.com wirbt das Unternehmen außerdem damit, dass bald auch kommende PC-Toptitel wie Homefront, Deus Ex: Human Revolution, F.E.A.R. 3 oder Assassin’s Creed: Brotherhood verfügbar sein werden. Ob die Spiele zeitgleich mit der Veröffentlichung auf dem PC oder verzögert auf OnLive landen werden, bleibt aber abzuwarten. Im direkten Vergleich mit der herkömmlichen Variante, Spiele auf PC oder Konsolen zu spielen, ist das Sortiment bei OnLive ziemlich mager. Dafür ist man, wie bereits erwähnt, nicht von der Hardware abhängig und kann beispielsweise auch MacOS Spiele zocken, die sonst nur mit Windows laufen.


Wieviel kostet OnLive?

Derzeit kann mit OnLive zu so gut wie jedem verfügbaren Titel eine Testversion ausprobiert werden – und das völlig kostenlos. Wer die Vollversion spielen möchte, hat (fast immer) mehrere Möglichkeiten. Batman: Arkham Asylum kann man etwa für 4,99 US-Dollar drei Tage und für 6,99 US-Dollar fünf Tage uneingeschränkt spielen. Wer das Spiel ohne zeitliche Begrenzung freischalten will, muss 39,99 US-Dollar bezahlen.

Häufig stehen aber die drei und fünf Tages-Optionen nicht zur Auswahl, was aber mit Restriktionen seitens der Spiele-Publisher zu tun hat, denen sich OnLive beugen muss. Seit kurzem gibt es zu den eben genannten Optionen auch eine Flatrate, bei der 9,99 US-Dollar monatlich zu bezahlen sind. Mit dem „OnLive PlayPack“ genannten Paket können ausgewählte Spiele ohne Einschränkungen gespielt werden. Derzeit sind aber nur etwas ältere Titel inkludiert, wie etwa Tomb Raider: Underworld, LEGO Batman, Prince of Persia oder Unreal Tournament III. Laut OnLive sollen aber weitere Titel folgen. Ob später auch irgendwann mal aktuelle Spiele per Flatrate zu haben sein werden, steht derzeit noch in den Sternen.


Smartphones & Tablets

Während OnLive bereits in der herkömmlichen Variante am PC oder am Fernseher für gehörigen Wirbel in der Branche sorgt, setzten die Macher des Streaming-Dienste noch einen drauf. So plant das Unternehmen, den Dienst auch für mobile Geräte wie etwa Smartphones und Tablets mit Android oder Apple iOS verfügbar zu machen. Eine erste App gibt es bereits für das iPad von Apple sowie das Galaxy Tab von Samsung. Vorerst lassen sich Spiele anderer OnLive-Nutzer aber nur beobachten. Künftig soll aber auch mit solchen Geräten gespielt werden können.

Dass es technisch möglich ist, PC-Titel mit toller Grafik auf derartigen Geräten auch selbst zu spielen, haben die Entwickler von OnLive bereits bewiesen. So wurde bei einer Präsentation Ende 2009 Crysis auf einem iPhone via OnLive-Stream gezeigt. Außerdem präsentierte man im Sommer 2010 einen Client mit vollem Funktionsumfang inklusive virtuellem Gamepad für das iPad. Es ist aber noch nicht sicher, ob und wann OnLive-Spiele mobil gespielt werden können. Die Veröffentlichung der Beobachtungs-App lässt aber erahnen, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis es so weit ist.


Gaikai

Dieser Spielestreaming-Dienst verfolgt ein etwas anderes Konzept als OnLive. Den Entwicklern rund um Spieledesigner-Legende David Perry (Earthworm Jim, MDK, Messiah) schwebt eine nahtlose Einbindung von Videostreams zu Spielen in verschiedene Webseiten vor. So soll man künftig in Online-Shops bei einem Computer- oder Videospiel ein Fenster sehen, in dem man spontan eine Demo starten und so das Spiel testen kann. Man hat dann die Möglichkeit, dass Spiel entweder normal zu kaufen oder auch weiter im Gaikai-Stream zu spielen, wobei hier ein „pay-as-you-go“-Prinzip verfolgt werden soll. Technische Grundlage dafür sind Browserplugins wie etwa Java, Adobe Flash oder Microsoft Silverlight. Bei Präsentationen auf der GDC 2010 in San Francisco wurden Spiele wie Call of Duty 4, World of Warcraft, Spore oder auch Mario Kart 64 gezeigt, das mithilfe eines Emulators lief. Aber auch Anwendungen wie Adobe Photoshop waren im Zuge dieser Präsentation im Webbrowser mittels Adobe Flash-Plugin lauffähig. Gaikai befindet sich derzeit in der geschlossenen Betaphase. Wann es offiziell an den Start gehen wird, ist noch nicht bekannt.


OTOY

OTOY ist im Gegensatz zu seinen beiden Konkurrenten eher ein  Allrounder, der nicht nur Spiele, sondern alle Arten von computergenerierten Grafiken in der „Cloud“, also den firmeninternen Rechenzentren, zur Verfügung stellen soll. Dazu zählen unter anderem Spiele, aber auch einzelne Applikationen oder ganze Betriebssysteme. Im Fokus sollen jedenfalls sehr rechenaufwändige Aufgaben stehen, wodurch sich OTOY vor allem auch an Profis aus der Film- und Spieleindustrie richtet, die die Rechenleistung auslagern möchten. Zu sehen gab es bislang noch nicht viel, es ist daher auch noch schwer abzusehen, wie vielversprechend das Konzept von OTOY ist. 


Unsere Einschätzung

Derzeit ist OnLive nur in den USA erhältlich und konnte bislang auch nur dort getestet werden. Termine für andere Länder stehen noch nicht fest, jedoch sollen im Laufe des Jahres 2011 auch europäische Staaten folgen. Bekannt ist derzeit nur, dass es in England, Belgien und Luxemburg spezielle Pakete in Kooperation mit Internetprovidern geben wird. Wenn auch in Europa eine ebenso stabile und flinke Serverstruktur von OnLive aufgebaut wird, steht einem Erfolg des Services eigentlich fast nichts mehr im Wege.

Fast deshalb, weil ein entscheidender Knackpunkte bei OnLive die nötige Voraussetzung in Sachen Internetverbindung ist. So haben Nutzer mit einem Anschluss von unter 4 MBit auch in unseren Breiten Pech gehabt. Hinzu kommt, dass bei einem Ausfall der Internetverbindung nicht gespielt werden kann. Dieses Problem gibt es aber auch bei herkömmlichen PC Titeln bereits, daher dürfte dieser Faktor wohl nicht allzu schwer ins Gewicht fallen. Der erste Eindruck von OnLive ist also durchaus positiv. Sobald wir Näheres zum Veröffentlichungstermin erfahren und es vielleicht sogar selbst ausprobiert haben, werden wir umgehend darüber berichten.

 
 
 
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